Russische Filmtage Münster

Russische Filmtage Münster

Programm und aktuelle Informationen unter: http://www.russische-filmtage-nrw.de/

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Ein anderes Bild von Russland

Die Russischen Filmtage Münster sind ein gemeinsames Projekt der Gesellschaft zur Förderung der deutsch-russischen Beziehungen Münster/Münsterland e.V. (DRG) und des Filmclubs Münster e.V.. In Münster finden sie seit 2009 statt. Schirmherrin der Russischen Filmtage Münster ist Svenja Schulze, Ministerin für Wissenschaft, Innovation und Forschung im Landtag NRW.

Die Idee des Projekts, aktuelle russische Filme auch fernab der großen internationalen Festivals einem interessierten Publikum zugänglich zu machen, entspringt der Überzeugung der Veranstalter, dass die russische Filmkultur wieder zu einem aufregenden Spiegel kultureller und gesellschaftlicher Diskurse geworden ist. Nach dem beispiellosen Niedergang in den 90er Jahren erlebt der russische Film eine atemberaubende künstlerische Renaissance und ist gegenwärtig mit innovativer Ästhetik und mit kritischem Blick wieder auf der internationalen Bühne präsent. Er ist Ausdruck vitaler schöpferischer Kraft und zeigt ein anderes Bild von Russland als das von der Kremlpolitik bestimmte.

Die Filmauswahl der Russischen Filmtage Münster folgt keinem thematischen Schwerpunkt, sondern soll die Vielfalt und ästhetische Bandbreite des zeitgenössischen russischen Kinos auch jenseits des Mainstreams wiederspiegeln. Was wir bislang eher von Samuel Beckett, Aki Kaurismäki oder Emir Kusturica kannten, erleben wir nun gelassen skurril als originär russische Bildersequenzen mit eigener Tradition. Da nicht nur in Russland die Zeit aus den Fugen zu sein scheint, bieten die russischen Filmkunstwerke überall auf der Welt genügend Einblicke und Anregungen, über die Suche nach der eigenen Identität, Selbstbestimmung und Freiheit nachzudenken und die brüchige Sicherheit kontrovers zu diskutieren.

Jedes Jahr kommen russische Filmschaffende zu Publikumsgesprächen nach Münster. Zu den Gästen der Filmtage zählten u.a. die Regisseure Sergej Solowjow, Victor Ginzburg und Sergej Ovtcharov.
In Münster gehört auch das Angebot von Schulvorstellungen für einen ausgewählten Jugendfilm zum Programm.

Die Russischen Filmtage Münster sind inzwischen eine feste Größe in der nordrhein-westfälischen Kulturlandschaft und zeigen, dass hier ein reges Interesse an russischen Filmen auch abseits des Mainstreams besteht.

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Zuschauer bei der Eröffnung Russischer Filmtage

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v. l.: Svenja Schulze (Landesministerin für Innovation, Wissenschaft und Forschung in NRW und Schirmherrin des Projektes); Anna Chevtchneko (1. Vorsitzende, DRG) und Winfried Bettmer (Geschäftsführer, Filmwerstatt)

Publikumsgespräch Loznitsa _2 Rusf. 2013
Publikumsgespräch mit Sergei Loznitsa, Regisseur des Films MAIDAN. Links: Irina Schröder-Ilina (Übersetzung), rechts:  Gudrun Wolff (Moderation)

 

Karl Wolff. Russische Filmtage in Münster

Der russische Film erlebt nach dem beispiellosen Niedergang in den 90er Jahren eine atemberaubende künstlerische Renaissance und ist gegenwärtig mit innovativer Ästhetik und mit kritischem Blick wieder auf der internationalen Bühne präsent. Alexander Sokurows 2012 in Venedig mit dem „goldenem Löwen“ ausgezeichneter Film „Faust“ zeigt nach der Filmtrilogie über Hitler (Moloch, 1999), Lenin (Taurus, 2000), den Gottkaiser Hirohito, (Die Sonne, 2005) die Urfigur im System titanischer Macht im 20. Jahrhundert, ihr Scheitern und die Rechtfertigungsversuche der Verbrechen durch Berufung auf eine „höhere“ Instanz. Das Gesicht der Macht und die vielen individuellen Gesichter der Machtlosigkeit im Alltag der postsowjetischen Gesellschaft sind das Hauptthema des neuen russischen Films, die 90er Jahre und die kollektive Identitätskrise ihr Dreh- und Angelpunkt. Komisch, tragisch, tragikomisch, naiv oder absurd. Manchmal als düstere Schwarzmalerei (tschernucha), häufiger als liebevolle Roadmovies durch den Wahnsinn des Alltags bzw. den Alltag des Wahnsinns wie etwa in Boris Chlebnikows Meisterwerk „Verrückte Rettung“ (2009). Was wir bislang eher von Samuel Beckett oder Aki Kaurismäki kannten, erleben wir nun gelassen skurill als originär russische Bildersequenzen mit eigener Tradition. Sogar Neuinterpretationen der großen Werke von Lew Tolstoj oder Anton Tschechow folgen dieser Perspektive der Nachgeborenen und verstören manche deutsche Kinobesucher durch Dekonstruktion klassischer Stereotypen von der Unbegreifbarkeit der russischen Seele. Da nicht nur in Russland die Zeit aus den Fugen zu sein scheint, bieten die russischen Filmkunstwerke überall auf der Welt genügend Einblicke und Anregungen, über die Suche nach der eigenen Identität, Selbstbestimmung und Freiheit nachzudenken und die brüchige Sicherheit kontrovers zu diskutieren. Russische Regisseure, SchauspielerInnen und Kritiker kommen jedes Jahr mit den Freunden der sehenswerten aktuellen Filme in Münster ins Gespräch. Alle Filme laufen im Original mit deutschen oder englischen Untertiteln. Dieses Grundkonzept ist inzwischen eine feste Größe in der Kulturlandschaft mit Strahlkraft.

Vom 9. bis 25. März 2012 fanden zum vierten Mal „Die Russischen Filmtage Münster“ im Schlosstheater statt, dem besten Kinotheater Münsters. Sie wurden in bewährter Zusammenarbeit der Gesellschaft zur Förderung der deutsch-russischen Beziehungen Münster/Münsterland e. V. mit der Filmwerkstatt Münster e.V. organisiert und standen wiederum unter der Schirmherrschaft der Landesministerin für Innovation, Wissenschaft und Forschung in NRW Svenja Schulze. Das 3. Festival im Jahr zuvor war eine Hommage an den berühmten Autorenfilmer Sergej Solowjow, der als Gast zur Vorführung drei seiner Filme nach Münster kam: Sein „Assa“ (1987) gilt als Kultklassiker der Perestrojka, als der erste sowjetische Film, der das Lebensgefühl der Rockmusiker im Leningrader Underground (Aquarium, Bravo, Kino) und die Sehnsucht nach Veränderung, nach Aufbruch der jungen Generation überzeugend zum Ausdruck brachte. „ Assa 2 oder der zweite Tod der Anna Karenina“ hatte seine Deutschland- premiere in Münster. Der Film ist eine Fortsetzung des Kultfilms und fragt, was zwanzig Jahre später vom damaligen Traum von Freiheit geblieben ist. Die Ballade vom großen Ausverkauf der Ideale mit dem Ska-Punker Sergej Schnurow und dem Bratschisten Jurij Bashmet verbindet mit der Trilogie-Heldin Tatjana Drubitsch die groteske Tragödie mit Solowjows Adaption des berühmten Romans Lew Tolstojs „Anna Karenina“. Neben der bewunderungswürdigen Schauspielerin Tatjana Drubitsch beeindruckt Oleg Jankovskij in der Rolle Karenins, der Annas Liebe verloren hat, das Publikum bei der Deutschlandpremiere in Münster. Sergej Solowjow wusste zu berichten, dass man in Hollywood seinen Film gerne produziert hätte, wenn er dem Film ein Happyend gegeben hätte, aber auch, dass in Russland unter der „Filmförderungsherrschaft“ Nikita Michalkows nicht alles glänze, was in den Mainstream des Glanzes der russischen Nation falle. Seine persönliche Produzenten-Alternative zu Mosfilm und Hollywood heißt Chanty-Mansijsk, das aufblühende neue Eldorado in Westsibirien..

Mit dem besten Film 2010 wurde in London der Film Alexej Popogrebskijs „Wie ich diesen Sommer endete“ ausgezeichnet, ein Zwei-Männer-Drama im Arktischem Meer, eine Wider- legung der Robinson-Freitag-Idylle, ein existenzieller Thriller. „Worüber Männer reden“ (Dmitrij Djatchenko, 2009) wurde nicht nur in Russland, sondern auch in Münster ein Publikumserfolg. Der Film „Die Geschichte von Bibinur“ bot in künstlerischer Vollendung Einblick in die tatarische Lebenswelt der Gegenwart und ihre Mythen in der multiethnischen Russischen Föderation. Zusätzlich liefen in zwei Sondervorführungen zum 25. Jahrestag des GAUs in Tschernobyl die Dokumentationen „Zwischenzeit“ (Ziegler) und „Tschernobyl. Herbst“ von A. Franskevitch. Mit dieser thematischen Vielfalt, der ästhetischen Bandbreite und den Publikumsgesprächen konnte das Festival 2011 in Münster über 1000 Zuschauer anziehen und seine Konzeption endgültig etablieren.

Das 4. Festival am 9. März 2012 startete schrill, laut, provokativ und vor allem geistreich spöttisch, als hätten die jüngsten russischen Straßenproteste ihre Dynamik direkt aus dem Film über Macht und Manipulation von Lew Ginzburg nach dem Erfolgroman von Victor Pelewins „Generation P“ entlehnt (Pepsi oder Putin, das ist hier keine Frage). Zur Präsenta- tion des Eröffnungsfilms, der zur Zeit rund um die Welt läuft, hatten wir den Remigranten Ginzburg aus Los Angeles erwartet. Er kam aus Moskau und flog dorthin zurück, zufrieden mit dem Beifall des Publikums und dem lebhaften Gespräch mit ihm und unbeeindruckt vom Missfallen des Vertreters des russischen Konsulats. Prophet und Vaterland, das sind wohl verschiedene Paar Schuhe. Wünschenswert wäre allerdings generell nicht nur bei Filmen dieser Art eine adäquate deutsche Synchronisation statt englischer Untertitel. Denn aktuelle Filme und Texte verwenden anders als die frühere puristische Semantik reichlich viel Jargon und schrecken auch von „dreistöckigen Mutterflüchen“ in der Umgangssprache ihrer Protago- nisten nicht mehr zurück. Beschleunigt sich zusätzlich die gewohnte epische Ruhe der rus- sischen Filmsprache, ist auch das Narrativ der Bildsequenzen eine geringere Deutungshilfe. Die packende Reise in Ginzburgs Film führt uns die russifizierte Amerikanisierung der PR-Welt vor, führt uns durch die russische Wirklichkeit, durch Science Fiction, Halluzinationen und Esoterik. Ein Flash, ein Trip bei dem letztlich nicht Inhalte, sondern nur das Medium die Massage des Hirns übernimmt. Das System P, in den 90er Jahren installiert, funktioniert und zeigt, wem es im folgenden Jahrzehnt nützt. Ein russischer cineastischer Beitrag zum digitalen Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit von Kunstwerken, Konsumprodukten und Politikern in der globalisierten Welt. Soz- und Pop-Art in einem, unpathetisch artistisch, instruktiv. Kongenial, wenn nicht sogar besser als das „Orginal“.

Kontrastprogramm und zusätzliches Highlight bot zur Finissage 2012 das zweitägige Werkstattgespräch Peter Lilienthals, einem der einflussreichsten Filmemacher des „Neuen deutschen Films“ mit seinem Petersburger Kollegen Sergej Owtscharow, dem ebenfalls vielfach preisgekrönten Regisseur, zur Figur des „Suspekten“, wie Hannah Arendt anarchische Figuren wie Charly Chaplin, den kleinen Mann, einmal bezeichnet hat. Owtscharow, ebenfalls auch Hochschullehrer wie Lilienthal, stellte zwei unterschiedliche, wunderbare Filme im Kino und Workshop zur Diskussion: Das Meisterwerk ohne Dialoge „Die Trommel“ (1993), und seine melancholisch-burleske Version aus Psychologie und Comedia del arte „Der Garten“ (2008) nach Tschechows letztem Bühnenstück von 1904 und dem Wissen um die blutige Geschichte im 20. Jahrhundert. Owtscharow macht überraschend und überzeugend den Diener Firs, der im Gutshaus vergessen zurückbleibt, zur liebevollen Hauptgestalt. Lilien- thal hatte Verwandtes mit seinem Film „Jakob von Gunten“ nach Robert Walsers Roman getan. Trotz Unterschiede in Provenienz, Alter und Kulturen krönten sie ihren filmischen Diskurs und ihren russisch-deutschen Dialog in Münster wiederholt durch den Ausdruck tiefer Zuneigung und Wertschätzung als Seelenverwandtschaft und beschenkten alle An- wesenden mit ihrer ausgeprägten Güte, Weisheit und Herzensbildung.

Die Tage des russischen Films wurden zwischen Anfang und Ende zusätzlich durch drei ausgewählte und ausgezeichnete Filme bereichert. „Der zwölfte Sommer“ (Pawel Fattachutdinov, 2009 ) ist kein modischer „coming of age“- Film, sondern ein feinsinniges Psychogramm erster Liebe, Unordnung und frühes Leid, Kindheitsglück auf dem Lande und gesellschaftlicher Wandel.

„Waffenruhe“ von Swetlana Proskurina wurde 2010 auf dem 21.Kinofestival „Kinotavr“ mit dem 1. Preis ausgezeichnet. Der überaus düstere Film mit einer Art Candide-Figur im Mittelpunkt führt fast ohne erzählerischen Zusammenhang als Roadmovie mal surreal, mal naturalistisch durch einen höllischen Albtraum einer verlorenen Generation. Langweilte der sowjetische Film häufig durch Schönfärberei und süßen Kitsch, so beeindruckte dieser durch sauren. Dass gesteigerte Schwarzmalerei (tschernucha) ausgezeichnet wird, ist soziologisch von Bedeutung und unter diesem Aspekt diskussionswürdg.

„Ammern“, „ Silent souls“ oder „Ovsjanki“ von Aleksej Fedorschenko (2010) ist ein Ab-gesang auf die fast verschwunden Kultur, die Sprache und Bräuche des finnisch-ugrischen Volkes der Meja, ein meisterhaftes Spiel zwischen Fiktion, Fakten und Fragmenten. Ein erotisches Drama um eine rituelle Bestattung, das weltweit nach seiner Uraufführung in Venedig auf zahlreichen Festivals gezeigt wurde und uneingeschränkt empfehlenswert ist.

Die Organisatoren der vierten russischen Filmtage beeindruckten wieder durch ihr Geschick, mit knapp bemessenen Sponsorengeldern ein facettenreiches Festival guter Filme auf die Beine zu stellen. Auch das 5. Festival wird sehenswerte russische Filme bringen und „Regisseure zum Anfassen“, Kinofrühling im März.

Veröffentlicht in der Zeitschrift für Literatur und Kunst MATRIX 3/2012 (29), Pop-Verlag Ludwigsburg, S. 192 ff

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